Ein Theaterstück über die Menschlichkeit

In den vergangenen Wochen ist das Theaterstück „Kantgrad“ der Theatergruppe Teatr.dok in verschiedenen Medien, im Internet und im russischen Fernsehen, als „unpatriotisch“ und vermeintlich „extremistisch“ dargestellt worden. Wir weisen diese Unterstellungen entschieden zurück. 

Teaser Image Caption
Сцена из спектакля "Кантград"

In den vergangenen Wochen ist das Theaterstück „Kantgrad“ der Theatergruppe Teatr.dok in verschiedenen Medien, im Internet und im russischen Fernsehen, als „unpatriotisch“ und vermeintlich „extremistisch“ dargestellt worden. Die Kritiker verleumdeten auch die Arbeit des Moskauer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, das die Produktion des Theaterstücks unterstützt hat. Der Vorwurf des Geschichtsrevisionismus und der „Re-Germanisierung“ klang an. Wir weisen diese Unterstellungen entschieden zurück. 

Die Vorwürfe entbehren jeder Grundlage, und wer „Kantgrad“ gesehen hat, weiß das. Das Theaterstück ist eine stille, nachdenkliche Reflexion darüber, welches Unglück der Krieg über Menschen bringt. Es war ein verbrecherischer Eroberungskrieg und Vernichtungsfeldzug, der von Deutschland aus den Kontinent in Brand gesetzt hatte und unermessliches Leiden verursachte. Die Erinnerungen der Menschen, die dies durchleben mussten, erzählen davon. Gerade dieser Blick auf die Opfer und ihr Erleben ist ein wichtiger Teil jeder Geschichtsbetrachtung.

Das Theaterstück basiert auf den Protokollen der Gespräche, die Kaliningrader Historiker vor gut 20 Jahren mit Zeitzeugen der Nachkriegszeit in der Stadt geführt hatten. „Kantgrad“ ist bestes Dokumentartheater – eine künstlerische Verarbeitung historischen Quellenmaterials. Das Theaterstück erzählt vom jahrelangen Zusammenleben der verbliebenen Deutschen und der sowjetischen Neusiedler im Kaliningrad der Nachkriegsjahre. Tür an Tür lebten jene, die noch kurz zuvor Todfeinde waren. Die Aggression und Menschenverachtung, die am Beginn dieses Krieges standen und ihn begleiteten, prägten auch die Jahre nach dem Kriegsende. Zu groß und schmerzend waren die Wunden.

Doch nicht wenige der Kaliningrader Neubürger bewahrten trotz aller Erfahrungen mit Hass, Tod und Verderben, trotz aller inneren Verletzungen in bewundernswerter Weise ihre Menschlichkeit. Dies mag – so dramatisch und traurig die Erinnerungen der Zeitzeugen auch sind - den Zuschauern des Stückes sogar Mut machen. Die Erinnerung an diese tragische Zeit der russisch-deutschen Beziehungen ist als Mahnung für die Zukunft zu bewahren. „Kantgrad“ trägt dazu bei.