Streit der Erinnerungen – 75 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs in Europa

Film

„Verschiedene Kriege: Nationale Geschichtslehrbücher über den Zweiten Weltkrieg“ – so hieß eine Wanderausstellung des EU-Russia Civil Society Forum. Sie tourte die letzten vier Jahre durch 22 Städte der EU und Russlands. Gezeigt wurde, wie aktuelle Lehrbücher für Sekundarschulen den 2. Weltkrieg darstellen, in Deutschland, Italien, Litauen, Polen, Russland und Tschechien. Am 7. Mai erscheint der Kurzfilm zur Ausstellung.

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Monument in front of the "Central Museum of the Great Patriotic War 1941-1945" in Moscow, Russia.

Im Gedächtnis der Nationen Europas bleibt der 2. Weltkrieg eine der schmerzlichsten und zwiespältigsten Erinnerungen. Aktuelle Konflikte sind eingebettet in Geschichte – und entsprechend oft wird Geschichte zum politischen Werkzeug. Um die Wurzeln heutiger Konflikte zu verstehen, um Vorurteile und Schablonen abzulegen, müssen wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen. Besonders heute, angesichts gewaltiger Veränderungen und weltweitem Wandel, beobachten wir, dass Menschen häufig komplexe Zusammenhänge nicht mögen und ein simples, schlichtes Bild der Vergangenheit bevorzugen. Die Entfernung der Statue von Marschall Konew in Prag im April 2020 ist ein trauriges Beispiel aus jüngster Zeit und hat zwischen Tschechien und Russland einen Streit über die Erinnerungskultur ausgelöst.

Vor diesem Hintergrund hat das EU-Russia Civil Society Forum den neunminütigen Kurzfilm „Streit der Erinnerungen – 75 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs in Europa‟ produziert, der am 7. Mai 2020 erstmals gezeigt wird. Gedreht wurde der Film in drei Ländern und an drei Orten der Erinnerung, nämlich am Holocaust-Mahnmal in Berlin, an der Gedenkstätte Westerplatte in Danzig und im Siegesmuseum in Moskau.

Deutschlands Umgang mit der Nazi-Diktatur gilt weltweit als vorbildhaft. In den vergangenen fünf Jahren jedoch wurde die deutsche Erinnerungskultur von rechts in Frage gestellt, und im Jahr 2017 bezeichnete der AfD-Politiker Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande‟. Daneben gibt es auch viele in der (post-)migrantischen Gesellschaft, die zu diesem Teil der deutschen Geschichte keine Beziehung haben. Entsprechend gibt es Spannungen zwischen jenen, die dem Gedenken und einer Erinnerungskultur offen gegenüberstehen, und jenen, die das Gedenken ablehnen.

Es ist beunruhigend und empörend, dass der „übliche‟ Umgang mit der Nazi-Vergangenheit in Frage gestellt wird. Zugleich sorgen solche Diskussionen aber auch dafür, dass das Interesse an der Geschichte wach bleibt und weiterhin von Neuem darüber gesprochen werden muss, was das, was vor 75 Jahren geschah, heute noch beinhaltet. Der Jahrestag gibt uns die Möglichkeit, erneut darüber zu diskutieren, was das Ende der Nazi-Diktatur, was der Holocaust bedeutet.

In Russland ist der 2. Weltkrieg seit zehn Jahren, wenn nicht noch länger, im politischen Diskurs das wichtigste Instrument. In Russland glauben viele, der Westen spiele die Rolle, welche die Sowjetunion beim Sieg über den Feind gespielt hat, herunter.

In Russland ist das Gedenken an den Krieg oft ein Gedenken an den Sieg, und diese Sichtweise wird staatlicherseits, wie auch von vielen anderen Akteuren, stark gefördert. Die Erinnerung ist vielschichtig und ist gespalten, denn einerseits ist Russland riesig, und sehr viele Menschen nahmen am Krieg teil – mit jeweils sehr unterschiedlichen Erinnerungen. Andererseits gibt es den öffentlichen Umgang mit der Vergangenheit – in Museen, im Kino, im Fernsehen und in Reden, und dieses offizielle Erinnern steht im Vordergrund, weshalb auch Menschen, die anders denken, oft nichts bleibt, als die amtliche Sprachregelung vom „großen Sieg Russlands‟. Das schmälert nicht die Bedeutung des Siegs, doch ist Krieg wesentlich komplizierter.

Folgt man dem Chefredakteur der polnischen Zeitschrift Przegląd Polityczny, nimmt die Bedeutung der Erinnerung an den 2. Weltkrieg klar ab. Am deutlichsten wird das bei der Sicht auf die EU. Die Gründer der EU sahen in der Staatengemeinschaft nicht allein eine Wirtschafts- und Sozialunion, sie wollten vielmehr die Demokratie wiederbeleben und verhindern, dass in Europa von Neuem versucht wird, Konflikte kriegerisch auszutragen. Für die Gründer war der Gedanke einer Friedensunion und einer Zone wirtschaftlicher, sozialer und politischer Freiheit zentrales Anliegen. Heute jedoch ist die Erinnerung an das Europa von vor 1945, ein Europa, geprägt von der Rivalität zwischen den Großmächten, weitgehend verschwunden.

Der Streit zwischen Polen und Russland über den Beginn des 2. Weltkriegs ist immer noch allgegenwärtig, und die Weigerung, den russischen Präsidenten zu den Feierlichkeiten der Befreiung von Auschwitz einzuladen, illustriert dies.

Der 2. Weltkrieg ist noch nicht vorbei – er geht weiter, als Kampf zwischen rivalisierenden, unvereinbaren Erinnerungsmaßnahmen und Erinnerungskulturen. Um eine wahrhaft europäische Erinnerungskultur zu schaffen, müssen wir, geht es um unsere Geschichte, Abschied nehmen von rein nationalen Sichtweisen. Damit das gelingt, müssen wir zum einen anerkennen und achten, dass es viele verschiedene Sichtweisen und Erinnerungen gibt, und zum anderen sollten wir diese Vielzahl an Sichtweisen dazu nutzen, eine fruchtbare Diskussion über unsere gemeinsame europäische Vergangenheit zu führen.

Eine einheitliche Geschichtsschreibung wird es nicht geben, doch ist es wichtig, eben darüber zu reden, hilft uns dies doch, Brücken zu bauen und die Gräben und Mauern, die uns trennen, zu überwinden.


Der Kurzfilm „Streit der Erinnerungen – 75 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs in Europa“ ist ab 7. Mai hier zu sehen. Produziert wurde er vom EU-Russia Civil Society Forum als Teil des Programms „Erinnerung an die Vergangenheit: Geschichte ohne Grenzen‟; Regie führte Stefano di Pietro. Die Arbeit des Forums wird z. Zt. unterstützt von der Europäischen Union, dem Auswärtigen Amt, dem Außenministerium der Niederlande sowie der OAK Foundation.

Am 18. Mai findet zum gleichen Thema das 9. Europäische Geschichtsforum als Fishbowl-Talk im Netz statt - Infos und Anmeldung hier.


Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Herrmann.